Fit, fokussiert, effizient – ob beim Sport, im Beruf, in der Ernährung oder bei der Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit: Der Wunsch, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen, prägt heute viele Lebensbereiche. Optimierung wird zur Maxime eines modernen Lebensstils, der Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft in den Mittelpunkt stellt.
Digitale Technologien wie Fitness-Tracker, Achtsamkeits-Apps oder KI-Coaches versprechen individuelle Unterstützung auf dem Weg zu einer besseren Version von sich selbst. Was früher als gesunde Gewohnheit galt – etwa regelmäßige Bewegung oder bewusste Ernährung – ist heute Teil eines umfassenden Selbstprojekts. Das Ich wird zur Dauerbaustelle. Möglichst diszipliniert, produktiv und attraktiv – aber um welchen Preis?
Die interdisziplinäre Vorlesungsreihe widmet sich diesem Spannungsfeld. Denn zwischen achtsamer Selbstsorge und kontrollierender Selbstüberwachung verläuft nur ein schmaler Grat. Selbstoptimierung erscheint zunehmend als Teil einer neoliberalen Verwertungslogik, in der das Individuum nicht nur Verantwortung für sein Wohlergehen übernimmt, sondern sich auch permanent selbst vermarktet: effizient, resilient und jederzeit leistungsbereit. – Wer den eigenen hohen Ansprüchen nicht gerecht wird, kann in einem Netz von Psychotherapie, Meditation und Achtsamkeit aufgefangen und „repariert“ werden (so lautet zumindest das Versprechen).
Wissenschaftler*innen aus Soziologie, Psychologie, Biologie, Medizin, Medienwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaften beleuchten das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie erörtern Fragen wie: Warum wollen wir uns selbst optimieren? Welche Rolle spielen Schönheitsideale, Leistungserwartungen oder soziale Medien? Und welche Folgen hat dieses Perfektionierungsprojekt für unser Körperbild, unser Selbstwertgefühl, unsere psychische Gesundheit und uns als Teil eines sozialen Gefüges?
Einführungsvideo zur Reihe „Selbstoptimierung. Zwischen Fürsorge und Zwang“
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Perfektionismus – ein vermeintliches Ideal, das oft mit Ehrgeiz, exzellenten Leistungen und Selbstoptimierung assoziiert wird. Studien zeigen, dass perfektionistische Ansprüche bei Studierenden in den letzten 30 Jahren zugenommen haben – möglicherweise als Folge der zunehmenden Betonung von Leistung, Wettbewerb und Selbstverbesserung.
Aus psychologischer Sicht setzt sich Perfektionismus aus zwei Komponenten zusammen: dem perfektionistischen Streben, also dem Drang nach Vollkommenheit, und den perfektionistischen Zweifeln, die vor allem durch die Angst vor Fehlern und dem Verlust sozialer Anerkennung geprägt sind. Besonders letztere sind aus klinisch-psychologischer Perspektive problematisch. Sie gehen mit einem geringeren Wohlbefinden, reduzierter Lebensqualität und einer erhöhten Anfälligkeit für psychische Störungen wie Depressionen, Zwangs- oder Essstörungen einher. Zudem kann Perfektionismus den Erfolg psychotherapeutischer Behandlungen deutlich mindern. Wenn er also krank macht und erschwert, dass man gesund wird – warum wird er dann noch immer so positiv bewertet? Und was kann man tun, um ihn zu reduzieren?
Der Vortrag beleuchtet das Konzept Perfektionismus differenziert, grenzt es vom gesunden Leistungsstreben ab und zeigt auf, wie es zum Risikofaktor für psychische Erkrankungen werden kann. Vorgestellt werden zudem evidenzbasierte psychotherapeutische Ansätze – etwa aus der kognitiven Verhaltenstherapie und der Selbstmitgefühlstherapie – die zu einem flexibleren und gesünderen Umgang mit hohen Ansprüchen verhelfen können. Ein praxisnaher Einblick in therapeutische Übungen soll konkrete Impulse für den Alltag liefern.
Barbara Cludius ist seit Februar 2024 Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters an der Universität Bremen. Zudem ist sie Co-Leiterin der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz über die Lebensspanne (PULS).
In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit transdiagnostischen Prozessen, also Prozessen, die für die Entstehung und Aufrechterhaltung verschiedener psychischer Störungen relevant sind. Ihr Fokus liegt dabei auf Perfektionismus und Emotionsregulation. Sie geht zum Beispiel folgenden Fragen nach: Erhöht Perfektionismus das Risiko eine psychische Störung zu entwickeln? Beeinflusst Perfektionismus den Erfolg einer Psychotherapie? Wie beeinflusst die Intensität einer Emotion die Wahl der Emotionsregulationsstrategie? Und wie hängt das mit Symptomen psychischer Störungen zusammen. Diesen Fragen geht sie mit (experimenteller) Grundlagen- und Psychotherapieforschung nach.
Barbara Cludius promovierte in Psychologie an der Universität Hamburg und habilitierte sich 2023 im selben Fach and der LMU München. Von 2017 bis 2024 war sie akademische Oberrätin an der LMU München. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Prinzessin-Therese-von-Bayern-Preis für herausragende Wissenschaftlerinnen (2023) und den Preis für hervorragende Lehre der Universität Bremen (2024).
Mehr als die Hälfte aller Krebsfälle wäre heute schon verhinderbar, wenn wir unser aktuelles Wissen richtig umsetzen würden. Krebsprävention bedeutet neben der regelmäßigen Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen oft auch eine langfristige Umstellung von Lebensgewohnheiten. Ähnliches gilt für viele andere „Zivilisationskrankheiten“ wie Herzkreislauferkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Demenz. Das verleiht jedem Menschen ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung, die es zu nutzen gilt. Aber wo liegt die Grenze des Machbaren? Und wann können scheinbar gesunde Lebensweisen sogar schädlich für unsere Gesundheit werden? Ein gesundes Körpergewicht, ausreichend Sport, Schlaf und der richtige Umgang mit Stress sind durchaus entscheidend. Aber aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass „Viel hilft viel“ in der Krebsprävention nicht immer gilt. Das richtige Maß ist entscheidend. Ein kluger Umgang mit diesem Wissen kann große Effekte erzielen, ohne uns an den Rand des Erträglichen zu treiben. Gesundheit und Lebensqualität können Hand in Hand gehen.
Dr. Hanna Heikenwälder hat in Lübeck, den USA, Zürich und Heidelberg studiert. Sie promovierte am Institut für klinische Chemie und Pathobiochemie der Technischen Universität München (TUM) über die Rolle von Entzündungen bei der Krebsentstehung im Darm. In der Chirurgischen Klinik der Universität Heidelberg erforschte sie personalisierte Therapieansätze zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Heute arbeitet sie an der renommierten Universität Tübingen und setzt sich dort leidenschaftlich für die Etablierung einer personalisierten und modernen Krebsmedizin in Deutschland ein. In ihren Sachbüchern vermittelt sie komplexe wissenschaftliche Themen überraschend klar und unterhaltsam. Sie beleuchtet nicht nur aktuelle Forschungsergebnisse, sondern auch deren gesellschaftliche Relevanz – und regt damit zum Nachdenken und Handeln an. Sie lebt mit ihrer Familie in Tübingen.
Selbstoptimierung ist in Mode – im beruflichen wie im privaten Leben. Das zeigt sich sicht zuletzt im Feld der psychosozialen Beratung und Psychotherapie. Enhancement des Körpers in allen seinen Bestandteilen, des Selbst, des Seelenlebens, sozialer Beziehungen. Viele Menschen unterwerfen sich scheinbar freiwillig den gesellschaftlichen Kompetenz- und Leistungsimperativen. Einige sind längst in nicht mehr kontrollierbare Endlosspiralen der Optimierung geraten und leiden daran.
Im Vortrag wird der zeitgenössische Begriff der Selbstoptimierung geklärt und an verschiedenen Beispielen erläutert. Dabei wird auch das fragwürdige Menschenbild deutlich, das hinter dem optimierten, sich optimierenden Selbst steckt. Im Unterschied zu traditionellen Arten der Selbstformung (Gymnastik, Beten, Meditieren usw.: Üben in jedweder Form) geht es im aktuellen Optimierungsexzess um technische, medikamentöse und chirurgische Manipulationen (von Self-Tracking- und Lifelogging-Methoden über die Einnahme von Ritalin oder Schönheitsoperationen bis hin zu biotechnologischen, gentechnischen Visionen einer „positiven Eugenik“).
Straub, Jürgen (Prof. Dr. phil.), ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Sozialtheorie und Sozialpsychologie in der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB; https://www.sowi.ruhr-uni-bochum.de/soztheo/team/inhaber.html.de). Seit 2014 leitet er (mit Dr. Pradeep Chakkarath) das „Hans-Kilian und Lotte-Köhler-Zentrum für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie“ (KKC) an der RUB (https://www.kilian-koehler-centrum.de/). 2015 erhielt er den Ernst-Boesch-Preis für Kulturpsychologie der Gesellschaft für Kulturpsychologie, 2017 den Höffmann-Preis für interkulturelle Kompetenz der Universität Vechta. Seine Forschungsschwerpunkte sind vielfältig und wandlungsfähig. Im Jahr 2026 wird er in der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) in Berlin tätig werden (z.B. im neuen Master-Studiengang „Psychoanalytische Kulturwissenschaft und Kulturpsychologie“). Zwischen der IPU und dem KKC besteht bereits eine langjährige Kooperation, z.B. im Rahmen des gemeinsamen IPU-KKC-Graduiertenkollegs „Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung“, dessen Sprecher Jürgen Straub ist; https://ipu-kkc-grako.de/.
Ausgewählte Publikationen zum Thema
Zur Einführung für alle Interessierten:
Straub, Jürgen & Balandis, Oswald (2018). Niemals genug! Selbstoptimierung und Enhancement: Attraktive Praktiken für verbesserungswillige Menschen? Familiendynamik. Zeitschrift für Systemische Praxis und Forschung 43(1), 72–82.
Für umfassender interessierte Wissenschaftler*innen:
Straub, Jürgen (2020). Vom Prothesengott zur Psycho-Prothese. Über Psychotherapie und Selbstoptimierung. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Straub Jürgen (2019). Das optimierte Selbst. Kompetenzimperative und Steigerungstechnologien in der Optimierungsgesellschaft. Gießen: Psychosozial.
Straub, Jürgen (2013). Selbstoptimierung im Zeichen der »Auteronomie«. Paradoxe Strukturen der normierten Selbststeigerung: von der »therapeutischen Kultur« zur »Optimierungskultur«. Psychotherapie & Sozialwissenschaft, 15, 2, 5–38.
Sieben, Anna, Sabisch-Fechtelpeter, Katja, Straub, Jürgen (Hrsg.) (2012). Menschen machen. Die hellen und dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme. Bielefeld: transcript.
Weitere ausgewählte Publikationen:
Straub, Jürgen (2024). Psychotherapie. In: Markus Dederich & Jörg Zirfas (Hrsg). Optimierung, S. 211–218. J. B. Metzler.
Brandt, Senta & Straub, Jürgen (2024). A Critique o Guided Self-Optimisation: Mental Health, Succes, Happiness, and Virtue in Missionary Positive Psychologiy and Psychotherapie. Historical Social Research. S. 156–187
Oswald Balandis, Viktoria Niebel & Jürgen Straub (2021). Selbstoptimierung, Self-Tracking, Achtsamkeit. Ist das gesund? impu!se für Gesundheitsförderung 109, 6–7.
Straub, Jürgen (2019). Rationalising Life by Means of Self-Optimisation. The Obsessive-Compulsive Excess’ of Gustav Großmann. A Striking Example for the Rationalistic Bookkeeper-Personality. In: Benigna Gerisch, Vera King & Hartmut Rosa (Hrsg.), ‘Lost in Perfection‘. Impacts of Optimisation on Culture and Psyche. London, New York Routledge, S. 153–188.
Balandis, Oswald & Straub, Jürgen (2018). Selbstoptimierung und Enhancement. Der sich verbessernde Mensch – ein expandierendes Forschungsfeld. Journal für Psychologie 26 (1), 131–155.
Balandis, Oswald & Straub, Jürgen (2018). Selbstoptimierung, Enhancement: Begriffe, Befunde und Perspektiven für die Geschlechterforschung. In: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf und Katja Sabisch (Hrsg.), Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Berlin: Springer VS, S. 1233–1241 (ebf. elektronische Fassung).
Straub, Jürgen (2017). Prothetische Psychotherapie und Psychotechnik. Eine polyvalente Praxis zwischen Heilung und Selbstoptimierung. In: Straub, Jürgen & Métraux, Alexandre (Hrsg.). Prothetische Transformationen des Menschen: Ersatz, Ergänzung, Erweiterung, Ersetzung. (Reihe: Kultur – Gesellschaft – Psyche. Sozial- und kulturwissenschaftliche Studien, Hrsg. von Katja Sabisch, Estrid Sørensen, Jürgen Straub, Bd. 9). Bochum: Westdeutscher Universitätsverlag, S. 139–172 (2., erw. Aufl. 2018).
In Deutschland drehen sich Diskussionen über Selbstoptimierung oft um ihre als negativ wahrgenommenen Aspekte: Perfektionismus, Suchtpotenzial, Entfremdung, Kommerzialisierung, Selbstüberwachung, Rationalisierung, Quantifizierung … Dies sind zwar unbestreitbar kontroverse Aspekte moderner Selbstoptimierung, doch diese beschränkt sich keineswegs auf sie. Weitgehend unbeachtet von Kritischer Theorie und Kulturpessimismus kann Selbstoptimierung auch mündige, emanzipatorische, eigensinnige, widerständige Formen annehmen – ob bei der Prävention und Früherkennung von Krankheiten, bei Versuchen, sich von traditionellen Autoritäten zu emanzipieren und Autonomie zu erlangen, oder in (ehemaligen) Subkulturen wie Hip-Hop und Straight Edge Hardcore Punk, wo „self-improvement“ und „self-growth“ auch eine gesellschaftliche Dimension haben. Einseitig negative Kritik übersieht aber nicht nur diese spezifischen Ausprägungen der Selbstoptimierung, sondern auch ihre anthropologische Dimension. Was der Philosoph Helmuth Plessner die „exzentrische Positionalität“ und die „natürliche Künstlichkeit“ des Menschen nannte, hat zur Folge, dass wir uns unablässig in dynamischen Umwelten neu orientieren müssen – und folglich auch optimieren. Für Menschen als „Former und Bildner [ihrer] selbst“ (Pico della Mirandola) ist Selbstoptimierung ein existenzieller Normalzustand, allen Trivialisierungen zum Trotz. „Optimierung“ sollte dabei nicht mit „Perfektionierung“ verwechselt werden. Während Optimierung einen pragmatischen Versuch meint, unter konkreten Bedingungen das Bestmögliche zu erreichen, ist Perfektionierung ein so abstraktes wie utopisches Unterfangen, das in Resignation und Frustration umschlägt. Selbstoptimierung ist das beste Mittel gegen die Fährnisse des Perfektionismus.
Jörg Scheller (*1979) ist Professor für Kunstgeschichte am Departement Fine Arts der Zürcher Hochschule der Künste und Gastprofessor an der Kunsthochschule Posen, Polen. Derzeit leitet er das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Forschungsprojekt „Contemporary Art, Popular Culture, and Peacebuilding in Eastern Europe“ (2022–2026) mit Teilprojekten in Polen, Armenien und der Republik Moldau. Er ist Mitglied der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich und Kurator mehrerer Ausstellungen und Veranstaltungsreihen, u.a. in der Kunsthalle Zürich und an der Venedig Biennale. Seine Buchveröffentlichungen decken ein breites Spektrum an Themen ab, von Bodybuilding über Heavy Metal und Aquaristik bis hin zu Identitätspolitik. Als Gastautor und Kolumnist schreibt er u.a. für DIE ZEIT, Neue Zürcher Zeitung, Artforum, Stuttgarter Zeitung, Kontext:Wochenzeitung, Schweizer Monat und Psychologie Heute. Nebenbei ist er zertifizierter Fitnesstrainer, Kraftsportler, Langstreckenläufer und Metal-Musiker mit dem Kammermetal-Duo Malmzeit.
Digitale Selbstvermessung (Self-Tracking/Lifelogging) nutzt Daten über Körperzustände und Lebensprozesse für Selbstoptimierungsprojekte. Im Kontext dieser popularisierten Alltagspraktiken müssen allerdings zahlreiche Wechselwirkungen in den Blick genommen werden. Hierbei stehen vor allem das Verhältnis zum eigenen Körper und zur Lebensführung des sich selbst Vermessenden sowie neue soziale Konventionen im Mittelpunkt. Die fortschreitende Integration künstlicher Intelligenz (KI) in digitale Selbstvermessungstechnologien umfasst auch angrenzende Bereiche wie Coaching oder Erinnerungsarbeit. Dies erfordert eine Überprüfung bisheriger Annahmen über Potenziale und Pathologien digitaler Selbstvermessung sowie eine Neujustierung ethischer Fragen und gesellschaftlicher Implikationen. Den Rahmen dafür bildet das Konzept einer metrischen Kultur, innerhalb derer unsere Welt zunehmend in einen Zahlenraum verwandelt wird und Effizienz zum Leitbild und Fetisch erklärt wird. Der Vortrag bietet daher einen Ausblick auf die Zukunft der Selbstvermessung im Kontext von KI und skizziert digitale Unsterblichkeit als techno-utopischen Fluchtpunkt dieser Entwicklung.
Prof. Dr. Stefan Selke lehrt „Soziologie und gesellschaftlichen Wandel“ an der Hochschule Furtwangen. Zudem ist er Forschungsprofessor für „Transformative und Öffentliche Wissenschaft“. Selke studierte zunächst Luft- und Raumfahrttechnik und promovierte später in Soziologie. Als disziplinärer Grenzgänger und öffentlicher Wissenschaftler ist er als Redner, Buchautor sowie als Gesprächspartner der Medien regelmäßig auch außerhalb der Wissenschaft (TV, Radio, Zeitungen, Magazine, Online) präsent. Aktuelle Forschungsthemen sind Zukunftstechnologien, Zukunftserzählungen und transformatives Zukunftsdesign. Dieses Portfolio umfasst z.B. Forschung zu utopischen Projekten, künstlicher Intelligenz als gesellschaftliche Verheißung und zu Weltraumutopien im Kontext von „New Space“. Für sein Konzept der „NeoUniversity“ wurde Stefan Selke 2021 der Wolfgang-Heilmann-Preis der Integrata-Stiftung zum Thema „Humane Utopie als Gestaltungsrahmen für die Nach-Corona-Gesellschaft“ verliehen. – Weitere Informationen: www.stefan-selke.de, www.public-science-lab.de
Wir befinden uns im demographischen Wandel: Die Lebenserwartung hat sich seit 150 Jahren verdoppelt und schon bald ist ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre. Im Alter steigt aber das Krankheitsrisiko dramatisch an: Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Krebs sind nur einige der altersassoziierten Krankheiten. Jeder Zweite über 65-Jährige leidet an zwei oder mehr altersbedingten Erkrankungen. Die moderne Alternsforschung geht davon aus, dass der Alterungsprozess selbst die Ursache dieser Krankheiten ist und zielt deshalb darauf ab, bei den Mechanismen des Alterns therapeutisch anzusetzen, um so die Krankheitsrisiken zu senken und gesundes Altern zu ermöglichen. Der Alterungsprozess vollzieht sich während unseres gesamten Lebens und wird von molekularen Beschädigungen etwa im Genom unserer Zellen vorangetrieben. Reparaturprozesse sind essenziell für den Erhalt der Zell- und Gewebsfunktion. Aber auch genetische Mechanismen kontrollieren den Verlauf des Alterungsprozesses. Das bessere Verständnis der Alterung hat bereits zu den ersten Interventionen geführt, die Gesundheitsspanne verlängern und Krankheitsrisiken senken können. Eine effektive Verzögerung des Alterungsprozesses und der Erhalt der Gesundheit bis ins hohe Alter, also nicht nur die Verlängerung der Lebensspanne, sondern vielmehr der Gesundheitsspanne, ist von zentraler Bedeutung, damit unsere alternde Gesellschaft eine Zukunft hat.
Seit 2013 ist Björn Schumacher ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Genomstabilität im Alter und bei Krankheiten (IGSAD) am CECAD-Forschungszentrum der Universität zu Köln. Er promovierte am Max-Planck-Institut für Biochemie in München und forschte als EMBO- und Marie-Curie-Stipendiat am Erasmus Medical Center in Rotterdam. Professor Schumacher ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für DNA-Reparatur (DGDR), Co-Direktor des Minerva Center of the Biological Mechanisms of Healthy Aging an der Bar-Ilan University (IL) und war von 2014 bis 2020 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Alternsforschung (DGfA). Seit 2023 ist Schumacher Sprecher der DFG-Forschergruppe FOR 5504 zum Thema „Physiologische Ursachen und Folgen von Genominstabilität“. Er wurde mit dem Eva-Luise-Köhler-Forschungspreis und dem Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Seine Forschung wird u. a. im Reinhart-Koselleck-Programm der DFG und durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördert. Schumacher koordinierte das Marie-Curie-Erstausbildungsnetzwerk zu chronischen DNA-Schäden im Alter (CodeAge) und war Mitglied in mehreren Editorial Boards. Sein Forschungsinteresse gilt den molekularen Mechanismen, durch die DNA-Schäden zur Krebsentwicklung und zu altersbedingten Krankheiten beitragen. Unter Verwendung des C. elegans-Systems und von Krankheitsmodellen bei Säugetieren hat seine Gruppe zellautonome und systemische Reaktionen aufgedeckt, durch die sich der Organismus an die mit dem Alterungsprozess zunehmenden DNA-Schäden anpasst. Durch das Verständnis der grundlegenden Mechanismen der durch Genominstabilität bedingten Alterung will Schumacher zur Entwicklung künftiger Strategien zur Verhinderung altersbedingter Krankheiten beitragen.
Verfügt der Mensch über ausreichend Selbstoptimierung, um Fitness, Belastung und Erholung so miteinander in Einklang zu bringen, dass er nicht dauerhaft erschöpft ist? – Chronische Erschöpfung betrifft weltweit sehr viele Menschen: Laut einer Studie aus dem Jahr 2023 leiden 24,2 % unter allgemeiner und 7,7 % unter schwerer chronischer Erschöpfung. Allein in den USA beliefen sich die jährlichen Produktivitätsverluste der Industrie bereits vor der Pandemie auf über 100 Milliarden US-Dollar. Medizinisch lässt sich bisher nur bei etwa einem Drittel der Betroffenen eine Diagnose finden, wobei körperliche Ursachen der Erschöpfung bis zu sechsmal häufiger sind als mentale.
Sportmedizinische Diagnostik ermöglicht es, Erschöpfung objektiv zu erfassen und im Kontext der individuellen Fitness und der alltäglichen körperlichen Belastungen zu bewerten. In Mainz sind wir Teil eines von sechs großen Digitalisierungszentren in Deutschland. In unserem Arbeitsbereich wollen wir mithilfe künstlicher Intelligenz und Algorithmen Daten aus dem Alltagsleben nutzen, um Belastung und Fitness besser aufeinander abzustimmen. Ziel ist es, insbesondere Menschen mit schwerer chronischer Erschöpfung zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Im Vortrag werden die Chancen und Herausforderungen einer solchen, intensivierten Selbstoptimierung für die zukünftige Patientenbetreuung im häuslichen Umfeld vorgestellt und diskutiert.
Perikles Simon ist seit 2009 Leiter der Abteilung für Sportmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Hauptforschungsschwerpunkte sind die Molekulare Leistungsphysiologie und Belastungsimmunologie. Seine Abteilung ist Mitglied in diversen internationalen und nationalen Forschungskonsortien, die Bewegungstherapie Telemedizinisch in Verbindung mit verbesserter Diagnostik, Digitalisierung und Datenanalytik einsetzen. Passend zum Thema des Vortrages hat er zuletzt an der Ausarbeitung der aktuellen Long-/Post-COVID-Leitlinie mitgearbeitet. – Weitere Informationen: http://www.sportmedizin.uni-mainz.de/
Produktiver arbeiten und mehr leisten! Fitter und schöner werden! Sich besser und glücklicher fühlen! In zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen, und insbesondere in den sozialen Medien, finden sich Aufrufe zur Selbstoptimierung. Es wird der Eindruck vermittelt, dass sämtliche Aspekte und Facetten der eigenen Person optimiert werden können – und auch sollen: das Aussehen, kognitive und physische Leistungen, die Gesundheit und Sexualität, das psychische Wohlbefinden und die alltägliche Lebensführung. In der Praxis können selbstoptimierende Praktiken motivierend und erfüllend sein, aber auch manifeste körperliche und psychische Probleme mit sich bringen. Zudem stellt sich die Frage, welche allgemeineren gesellschaftlichen Entwicklungen und Konsequenzen mit Selbstoptimierung verbunden sind. Der Vortrag möchte zeigen, dass es sich bei Selbstoptimierung nicht nur um ein gesellschaftlich eingebettetes und vielschichtiges, sondern auch um ein konstitutiv ambivalentes Phänomen handelt, das u. a. zwischen Selbstfürsorge und Selbstkontrolle oder auch zwischen Selbst- und Fremdexpertise angesiedelt ist.
PD Dr. Anja Röcke, Soziologin, Studium der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politikwissenschaften). Sie wurde am Europäischen Hochschulinstitut (Florenz) mit einer vergleichenden Studie zum Bürgerhaushalt promoviert und habilitierte sich an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema Selbstoptimierung. Aktuell ist sie Gastprofessorin im Rahmen des Alfred-Grosser-Lehrstuhls an Sciences Po Paris und arbeitet in diesem Rahmen am Centre for European Studies and Comparative Politics (Paris). Zudem ist sie Gastwissenschaftlerin an der Fachrichtung Gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung an der Universität des Saarlandes sowie Privatdozentin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ausgewählte Publikationen zum Thema Selbstoptimierung:
Daniel Nehring/Anja Röcke/Suvi Salmenniemi (Hg.) (2024): Debating self-optimisation: Practices, paradoxes, and power, Special Issue für Historical Social Research.
Daniel Nehring/Anja Röcke (2023): „Self-optimisation: Conceptual, Discursive and Historical Perspectives”, Current Sociology, 1/2023, 1–19, DOI: 10.1177/00113921221146575.
Anja Röcke (2022, 2. Auflage): Soziologie der Selbstoptimierung, Berlin: Suhrkamp.
Im Selfiezeitalter werden unsere Körper-Bilder immer mehr zu Bildkörpern. Und längst erlauben uns Beautyfilter zum eigenen Wunschbild zu werden. KI gestützte Bilderkennungstechnik liefert uns eine maßgeschneiderte und bisher unerreicht realistische Version unseres optimierten Selbst. Damit erfüllen diese animierten AR-Filter unsere tiefsten Sehnsüchte, in dem sie uns als idealschönen Körper zeigen. Die Allgegenwart eines geschönten Selbstbildes suggeriert seine Erreichbarkeit. Für manche ist es dann nur ein kleiner Schritt von der Verwendung eines Filters zur Schönheitsoperation. Dabei sind es längst nicht mehr allein die Algorithmen der Beautyfilter, die Körper- und Schönheitsideale kreieren, sondern vermehrt durch künstliche Intelligenz (KI) gestützte Bildgenerierungsprogramme. Die neuerdings flächendeckend zum Einsatz kommenden generativen KI-Anwendungen haben dabei nicht mehr reale Menschen als Vorbild, sondern erzeugen aus selbstgenerierten Daten gänzlich illusionäre Menschenbilder. Zukünftig werden damit noch unrealistischere Körper- und Schönheitsideale möglich, die im Zweifel kaum noch an die menschliche Anatomie gebunden sind. Aussehensbezogene Selbstoptimierung ist damit nicht länger an ein menschliches Maß gebunden.
Prof. Dr. phil. habil. Dipl.-Psych. Ada Borkenhagen, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin der (DPG/IPA). Mitbegründerin des Colloquium Psychoanalyse und 1. Vorsitzende des Vereins Colloquium Psychoanalyse. 2009 Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig im Fach Medizinische Psychologie und Psychotherapie. 2010 Inhaberin der Dorothea-Erxleben-Gastprofessur an der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg. Privatdozentin an der Abt. für Med. Psychologie und Med. Soziologie der Universität Leipzig und der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Magdeburg. Seit 2020 Professorin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg.
Interessenschwerpunkte: Körperoptimierung, Schönheitschirurgie und Schönheitsmedizin, Weiblichkeit, Identitäts- und Persönlichkeitsstörungen, Gen- und Reproduktionsmedizin.
Mit dem Aufstieg generativer KI-Systeme wie ChatGPT vollzieht sich eine tiefgreifende Verschiebung in der Organisation kognitiver Tätigkeit: Immer häufiger werden Aufgaben des Schreibens, Planens, Entscheidens und Kommunizierens an künstliche Intelligenz delegiert – sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag. Von der automatisierten E-Mail-Antwort über die Textgenerierung bis hin zur KI-gestützten Terminplanung oder Ideensammlung entstehen neue Formen der Delegation von Intelligenz.
Diese Entwicklung lässt sich zwischen zwei theoretischen Polen verorten: Einerseits kann KI als externer, dienstbarer Assistent erscheinen, der Arbeit abnimmt und das Leben dadurch effizienter macht. Andererseits kann KI als Hybridisierung menschlicher Kognition verstanden werden – als künstlich erweiterte menschliche Intelligenz.
Der Vortrag ordnet KI als Teil des gesellschaftlichen Technisierungsprozesses ein und fragt nach den Folgen der KI-Nutzung für unser Selbstverständnis: Was bedeutet es, wenn nicht nur Routinetätigkeiten, sondern zunehmend auch kreative, kommunikative und reflexive Aufgaben ausgelagert werden? Wie verändert sich das Verständnis von Autorschaft, Kompetenz und Leistungszurechnung?
Sascha Dickel ist Universitätsprofessor für Mediensoziologie und Gesellschaftstheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er an der TU München, der TU Darmstadt und der Universität Bielefeld tätig. Er nahm Lehr- und Forschungsaufenthalte in Cardiff, Washington, D.C. und Wien wahr. Promotion 2010 zu Utopien des Human Enhancement (Bielefeld), Habilitation 2019 zur digitalen Partizipation in Wissenschaft und Technik (München).
Forschungsschwerpunkte: Differenzierungstheorie, Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Öffentlichkeit
Ausgewählte Publikationen:
Dickel, Sascha (2025): Im Imitationsspiel. Über die Kommunikation mit Maschinen und das Streben nach Artificial General Intelligence. In: Zeitschrift für Soziologie 54 (2), S. 190–206.
Dickel, Sascha (2019): Prototyping Society. Zur vorauseilenden Technologisierung der Zukunft, transcript.