Feste, Rituale und Kulte markieren besondere Momente im Leben von Individuen und Gemeinschaften. Sie heben sich vom Alltag ab, strukturieren Zeit, geben Ordnung und Orientierung. Sie gemeinsam zu feiern, eröffnet Räume des intensiven Erlebens und der Erfahrung von Zugehörigkeit, Identität und Spiritualität. Sie treten in allen uns bekannten Kulturen und Epochen in religiösen Kontexten oder als säkulare Formen auf und können daher vermutlich als anthropologische Konstante angesehen werden.
Warum und wie feiern wir Feste, zelebrieren Rituale und Kulte? Sie verbinden Gesellschaft und Individuum und sind eng mit Fragen von Religion und Säkularisierung, Politik und Macht und nicht zuletzt mit Erinnerung und Sinnkonstruktion verknüpft. Feste, Rituale und Kulte gehen oft mit Übergängen zwischen Lebensphasen und sozialen Rollen sowie mit Umbrüchen in Herrschafts- und Gesellschaftssystemen einher. Traditionelle Praktiken und Erscheinungsformen wandeln sich im Laufe der Zeit: aus einem Wettstreit der Minnesänger werden internationale Festspiele, Festivals und Events wie der ESC. Heutige Großveranstaltungen spiegeln kulturelle Vielfalt und bringen Menschen aus unterschiedlichen Kulturräumen zusammen. Moderne Feste, Events und Rituale lassen sich oft – wie Halloween – als säkularisierte Varianten kultischer Praktiken analysieren. In ihnen können Fragen nach Transzendenz, Spiritualität und Sinngebung fortbestehen, sie können aber auch kommerzialisiert oder instrumentalisiert werden – ursprünglich in spezifische kulturelle Kontexte eingebettete Feste und Rituale unterliegen zeitlichem und gesellschaftlichem Wandel und Adaption.
Beim Zelebrieren von Ritualen und Kulten werden symbolische Handlungen bewusst wiederholt, um Struktur, Sinn und Gemeinschaft zu stiften. Ästhetische und performative Dimensionen spielen dabei eine wichtige Rolle. Festabläufe, rituelle und kultische Praktiken sind inszeniert, finden in spezifischen Räumen und auf „Bühnen“ statt. Die Erfahrung des „Außergewöhnlichen“ – als Ausnahme und Auszeit vom Alltag – ist konstitutiv für ihre Wirksamkeit. In solchen oft als „magisch“ wahrgenommenen Momenten können sich Gemeinschaften ihrer selbst vergewissern, neue Mitglieder aufnehmen, z.B. mit Initiationsriten. Individuen erleben Zugehörigkeit, Identität und Transformation. Musik und Gesänge, Tränke und Tanz erzeugen intensive Emotionen und körperliche Reaktionen bis hin zu Ausnahmezuständen wie Rausch und Ekstase.
Brauchen wir auch in modernen, globalisierten Gesellschaften noch traditionelle Feste, Rituale und Kulte – und wenn ja, wozu? Welchen Dynamiken unterliegen sie? Können sie uns noch Orientierung, Gemeinschaft und Ordnung, Sinn und Transzendenz geben? Ermöglichen Feiern gerade heute Auszeit vom stressigen Alltag, fördern Bindung, Identität, kulturelles Gedächtnis und stärken Resilienz? Oder verschwinden zunehmend althergebrachte Feste, Bräuche und Rituale zugunsten neuer Events, Spektakel und Massenveranstaltungen? Die interdisziplinäre Vorlesungsreihe geht Fragen wie diesen zu Funktion, Bedeutung, Erscheinungsform, Wandel und Vielfalt des Phänomens Feiern und Zelebrieren mit Beiträgen aus Kultur- und Sozialwissenschaften, Religions- und Neurowissenschaften nach. Aus unterschiedlichen Perspektiven machen die Vorträge Feste, Rituale und Kulte als zentrale Praktiken und Ausdrucksformen menschlicher Kultur jenseits des Alltäglichen sichtbar.
Informationen zur Vorlesungsreihe und den einzelnen Terminen folgen.
Die Vorlesungsreihe „Jenseits des Alltags – Feste, Rituale, Kulte“ ist öffentlich und richtet sich an alle Interessierten.
Der Besuch ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.