Konzept des Kurses
Wissenschaft lebt von neuen Ideen. Forschende entwickeln Fragestellungen, erkennen bislang übersehene Zusammenhänge, entwerfen Modelle und finden Lösungen für komplexe Probleme. Kurz: Wissenschaft ist ohne Kreativität nicht möglich. Dennoch wird wissenschaftliche Kreativität im Studium nur selten ausdrücklich thematisiert. Obwohl von Studierenden erwartet wird, originelle Fragestellungen zu entwickeln, überzeugende Argumente zu formulieren oder innovative Forschungsansätze zu verfolgen, bleibt der kreative Prozess meist unsichtbar.

Die Kreativitätsforschung der vergangenen Jahrzehnte betont dabei eines ganz deutlich: Kreativität ist keine seltene Begabung weniger Menschen und nicht auf Domänen wie Kunst, Musik, Literatur oder Ähnliches beschränkt. Sie ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die wir täglich nutzen – oft unbewusst –, wenn wir Probleme lösen, Entscheidungen treffen oder neue Zusammenhänge erkennen. Dabei geht es nicht nur um außergewöhnliche Geistesblitze, sondern ebenso um die vielen kleinen kreativen Leistungen im Alltag und in der wissenschaftlichen Praxis.

Die Kreativitätsforschung unterscheidet häufig zwischen der sogenannten Big-C-Kreativität (das C bezieht sich auf den ersten Buchstaben im englischen Wort „Creativity“), die zu außergewöhnlichen kulturellen oder wissenschaftlichen Leistungen führt, und der little-c-Kreativität, die unser alltägliches Denken und Handeln prägt. Wissenschaftliches Arbeiten ist in vielerlei Hinsicht auf diese alltägliche – und in seltenen Fällen auf außergewöhnliche – Kreativität angewiesen: beim Formulieren von Forschungsfragen, beim Entwickeln von Hypothesen, beim Entwerfen von Untersuchungsdesigns oder beim Interpretieren von Ergebnissen.

Dieses Workinar richtet sich deshalb ausdrücklich an Studierende aller Fachrichtungen – unabhängig davon, ob sie sich selbst als „kreativ“ bezeichnen würden oder nicht. Ziel ist es, (wissenschaftliche) Kreativität als erlernbare Kompetenz zu verstehen, ihre psychologischen und sozialen Grundlagen kennenzulernen und sie bewusst im eigenen wissenschaftlichen Arbeiten einzusetzen.

Im Mittelpunkt steht dabei die Verbindung von Theorie und Praxis. Die Teilnehmenden setzen sich mit zentralen Erkenntnissen der Kreativitätsforschung auseinander, reflektieren verbreitete Kreativitätstechniken kritisch und entwickeln auf dieser Grundlage eigene kreative Methoden für wissenschaftliche Fragestellungen oder auch für alltägliche Herausforderungen der Lebenswelt.

Was ist ein Workinar?
Ein Workinar verbindet eine klassische Seminarveranstaltung (die gemeinsame Erarbeitung wissenschaftlicher Inhalte) mit Workshop-Elementen (die praxisorientierte Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse und deren Anwendung). Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht nur diskutiert, sondern unmittelbar auf eigene Fragestellungen angewendet, kritisch reflektiert und praktisch erprobt.

Kursanmeldung & Fragen
Masterstudierende kooperierender Studiengänge können sich zu den Anmeldephasen direkt über Jogustine anmelden (Kurs 1, Montag: 12 bis 14 Uhr; Kurs 2, Montag: 14 bis 16 Uhr). Bei absehbar freien Plätzen wird die Anmeldung zu Beginn der Vorlesungszeit für alle interessierten Studierenden geöffnet.

Bei Fragen zum Kurs wenden Sie sich gerne per E-Mail an Dr. Thomas Vogt (thomvogt@uni-mainz.de).

Lernziele
Die Teilnehmenden können (1) die Bedeutung von Kreativität für wissenschaftliches Denken und Forschen erläutern und ihre eigene wissenschaftliche Praxis kritisch reflektieren; (2) zentrale Theorien der Kreativitätsforschung – insbesondere aus Psychologie, Kognitionswissenschaft und Sozialwissenschaften – verstehen, vergleichen und kritisch beurteilen; (3) wissenschaftliche Kreativität als erlernbare Kompetenz von verbreiteten Kreativitätsmythen unterscheiden; (4) etablierte Kreativitätstechniken hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlagen, ihres Anwendungsbereichs und ihrer Grenzen bewerten; (5) beurteilen, inwiefern sich aus wissenschaftlichen Kreativitätstheorien konkrete Methoden ableiten lassen; (6) auf Grundlage theoretischer Erkenntnisse eigene Kreativitätsmethoden entwickeln und in Einzel- und Gruppenarbeit erproben; (7) die entwickelten Methoden auf aktuelle wissenschaftliche oder persönliche Herausforderungen anwenden und ihre Wirksamkeit reflektieren.

Literatur

Jung, R. E., & Vartanian, O. (Eds.), 2018: The Cambridge Handbook of the Neuroscience of Creativity, Cambridge: Cambridge University Press.

Kaufman, J. C., & Sternberg, R. J. (Eds.), 2019: The Cambridge Handbook of Creativity (Second Edition), Cambridge: Cambridge University Press.

Nöllke, M., 2020: Kreativitätstechniken, 8. Aufl., Freiburg: Haufe.

Vogt, T., 2010: Kalkulierte Kreativität. Die Rationalität kreativer Prozesse, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Weidenmann, B., 2010: Handbuch Kreativität: Ein guter Einfall ist kein Zufall!, Weinheim: Beltz.