Wie wir miteinander umgehen, entscheidet darüber, ob Vertrauen wächst, Zusammenhalt entsteht und Konflikte gelöst werden können. Zugleich zeigt der Alltag, wie empfindlich ein einmal erreichtes soziales Gleichgewicht ist: Kleine Missverständnisse können große Spannungen erzeugen, unausgesprochene Erwartungen beeinflussen unser Verhalten und oft wirkt Macht dort, wo wir sie gar nicht vermuten. Die Vortragsreihe nimmt dieses Spannungsfeld zum Anlass, grundlegenden Fragen des sozialen Miteinanders nachzugehen.
Im Zentrum steht die Beobachtung, dass menschliche Beziehungen immer ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz, Einflussnahme und Neutralität, Kooperation und Konkurrenz sind. Jeder Kontakt – ob in Familie, Beruf, Öffentlichkeit oder der Politik – ist geprägt von unausgesprochenen Regeln und stillschweigenden Übereinkünften. Gleichzeitig verändern sich diese Regeln in einer dynamischen Gesellschaft permanent: durch neue Kommunikationsformen, politische Umbrüche oder kulturelle Erwartungen.
Daraus ergibt sich eine zentrale Herausforderung: Wie gestalten wir Beziehungen so, dass sie fair, verlässlich und tragfähig bleiben? Welche Formen von Macht sind notwendig, damit Gemeinschaft funktioniert – und welche kippen schnell in Ungerechtigkeit oder Ausgrenzung? Welche Formen der Kommunikation sind gewaltbehaftet, welche auf Gleichbehandlung ausgerichtet? Und: welche Normen, Werte oder Maßstäbe erlauben uns, Beziehungen zu bewerten, zu kritisieren oder zu verändern?
Die Reihe öffnet einen Raum, in dem unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven zusammenkommen: Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Neurowissenschaften, Linguistik und Wirtschaftswissenschaften. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie soziale Beziehungen entstehen, gelingen, scheitern oder sich verändern und wie sie zu bewerten sind – ob zwischen Einzelnen, in komplexeren Gruppen oder zwischen Staaten und anderen Organisationen.
Einführungsvideo zur Reihe „Wie wir miteinander umgehen. Macht, Fairness und soziale Beziehungen“
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Die Vorlesungsreihe ist öffentlich und richtet sich an alle Interessierten.
Der Besuch ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Tamara Jugov ist Professorin für Praktische Philosophie am Institut für Philosophie der Technischen Universität Dresden.
Dass Auseinandersetzungen um politische Konzepte und Maßnahmen zum Wesen der Demokratie gehören, ist für die meisten Bürger:innen eine Selbstverständlichkeit. Dies gilt auch für die Erkenntnis, dass derartige Auseinandersetzungen sprachlich geführt werden (sollten), Sprache also eine zentrale Rolle in der Politik spielt. In der Linguistik werden Auseinandersetzungen um die ,richtigen‘ Bezeichnungen als semantische Kämpfe bezeichnet. Die sprachlichen Mittel, die bei semantischen Kämpfen üblicherweise zum Einsatz kommen, stehen im Fokus der Ausführungen.
In den letzten Jahren sind vermehrt Stimmen laut geworden, die semantische Kämpfe sprachkritisch kommentieren. Es wird die Sorge geäußert, dass es nicht bei semantischen Kämpfen bleibt, sondern die Grenzen des Sagbaren im öffentlichen Diskurs immer wieder überschritten werden. Dass Phänomene wie Fake News oder Hate Speech der Demokratie und dem gesellschaftlichen Zusammenleben schaden, ist dabei unbestritten. In einem Ausblick soll daher der Frage nachgegangen werden, ob sich Spielregeln für eine demokratische Kommunikation formulieren lassen.
Prof. Dr. Thomas Niehr studierte Philosophie, Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Nach der Promotion im Jahr 1993 wechselte er an die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, wo er sich im Jahr 2002 im Fach Germanistische Sprachwissenschaft habilitierte. Seit 2004 forscht und lehrt er an der RWTH Aachen, wo er die Professur für Germanistische Sprachwissenschaft bekleidet. Von 2011 bis 2021 war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik. Er engagiert sich in der Gesellschaft für deutsche Sprache und leitet deren Zweigverein in Aachen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Analyse politischer Sprache sowie der linguistischen Sprachkritik. In den letzten Jahren ist der Bereich rechtsextremistischen Sprachgebrauchs und die damit verbundene Sprachverrohung zu einem wichtigen Thema seiner Forschung geworden.
Matthias Sutter ist Leiter der Abteilung Experimentelle Ökonomie am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und Professor an den Universitäten Köln und Innsbruck.
Organisationale Fairness beschreibt, wie Beschäftigte die Gerechtigkeit von Entscheidungen, Verfahren und zwischenmenschlichem Umgang in Organisationen wahrnehmen und warum diese Wahrnehmungen grundlegend für Vertrauen, Kooperation und Konfliktlösung sind. Die Vorlesung führt in drei klassische Dimensionen ein: distributive Fairness (wie gerecht Ergebnisse wie Lohn, Anerkennung oder Aufgaben verteilt werden), prozedurale Fairness (wie fair Entscheidungsprozesse sind, z. B. Transparenz, Mitsprache, Konsistenz und Korrekturmöglichkeiten) und interaktionale Fairness (wie respektvoll und würdevoll Menschen behandelt werden, inklusive Informationsgerechtigkeit). Zudem wird beleuchtet, wie Fairnessurteile entstehen. Anknüpfend an die Ringvorlesung wird Fairness als sensibles Beziehungs- und Machtphänomen diskutiert: Macht zeigt sich nicht nur in formalen Hierarchien, sondern auch darin, wer gehört wird, wer Zugang zu Informationen hat und wessen Interessen in Entscheidungen zählen. Bereits kleine Regelverletzungen, unausgesprochene Erwartungen oder Intransparenz können soziale Gleichgewichte kippen, Misstrauen verstärken und Beziehungen belasten. Empirische Befunde zeigen, dass Fairnesswahrnehmungen Motivation, Gesundheit, Bindung und „Extra-Rollenverhalten“ fördern, während erlebte Unfairness Stress, Rückzug, Konflikte und Kündigungsabsichten begünstigt. Abschließend werden Ansatzpunkte für eine faire Beziehungsgestaltung vorgestellt: klare, nachvollziehbare Regeln, Beteiligung und Stimme („voice“), respektvolle Kommunikation, funktionierende Beschwerdewege sowie Führung, die Verantwortung übernimmt und Vertrauen aktiv aufbaut.
Prof. Dr. Thomas Rigotti studierte Diplom-Psychologie und promovierte an der Universität Leipzig. Seit 2013 ist er Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zudem leitet er seit 2020 eine Forschungsgruppe am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz. In seiner Forschung untersucht er, wie Arbeitsbedingungen, Führung und soziale Prozesse Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit beeinflussen mit besonderem Fokus auf Stress- und Resilienzmechanismen im Erwerbsleben. Inhaltlich arbeitet er unter anderem zu organisationaler Fairness und Vertrauen, gesundheitsförderlicher Führung sowie zum Zusammenspiel von Arbeitsanforderungen und Ressourcen. Ziel seiner Arbeit ist es, evidenzbasierte Ansatzpunkte für eine menschengerechte, leistungsfähige und resiliente Arbeitsgestaltung abzuleiten.
Miriam Beblo ist Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Arbeitsmarkt, Migration, Gender, am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg.
Elisabeth Kals ist Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie im Fachgebiet Psychologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Holger Lengfeld ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Institutionen und sozialer Wandel am Institut für Soziologie der Universität Leipzig.
Olga Klimecki ist Assistenz-Professorin für Biologische Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck.